Geisteswissenschaftlichkeiten stellen sich unter bestimmten Umständen als sinnvoll heraus. Bezieht man diese vermeintliche Wahrheiten jedoch auf die eine oder andere Tatsächlichkeit, dann wird der eine oder andere allerdings Unwissende bezweifeln, ob die Ergebnisse sich auch als wirklich brauchbar herausstellen. Werde mal einen Gegenbeweis besonderer Art anzetteln.*
Jean Jacques Rousseau, dieser ungemein lebenslustige Philosoph, dieser fröhliche Schriftsteller, hat irgendwann einmal drei unterschiedliche Quellen menschlicher Handlungsmotivation unterschieden, da ist zunächst einmal die orientierungslose und dadurch egoistische Vernunft, dann das Gewissen, das die Vernunft gütigst orientiert, und natürlich die gefährlichen Leidenschaften. Ohne jetzt allzu sehr ins Detail zu gehen und ohne den Anspruch zu erheben, genau in die Rousseauschen Fußstapfen zu treten, werde ich diese Bezeichnungen und Begriffe einfach aufklauben und mißbrauchen, um mir Gedanken zu machen. Diese Schlampigkeit werde ich übrigens im gesamten Beitrag beibehalten. Ist schließlich kein wissenschaftlicher Beitrag hier, sondern irgendetwas anderes. Aber jetzt 'mal zum Eingemachten:
Von diesen Handlungsmotivationen picke ich mir erstmal die Vernunft heraus und beziehe sie auf das Verhalten eines nachdenklichen Fahrradfahrers. In meinem Wahnsinnsmehrteiler über meine ganz persönliche NineEleven-Erfahrung habe ich bereits über die Nachdenklichkeit raisoniert werde sie deshalb nicht näher beschreiben. Man könnte nun auf den Gedanken kommen, dass Nachdenklichkeit - achja, das hätte ich fast vergessen, ich nehme an, dass die Leidenschaften das Gewissen mitsamt der Vernunft dominieren - auf dem Fahrradsessel im gefahrvollen Straßenverkehr einer Metropole fatale Konsequenzen haben müsste, denn Grübelei hat zwar irgendwas mit mit Denken zu tun, aber diese Nachdenke eben nix mit Autos, Lastwagen, Motorrädern, und schon gar nicht mit den darin Steuernden im chaosgleichen Verkehrssystem. Ein fataler Irrtum ist diese Annahme, denn es existiert eine Art von unbewußter Vernunft, ein Mechanismus, eine Art Automatik, die den Menschen zu einem winzigen und funktionierenden Rädchen in der gewaltigen Maschine des Straßenverkehrs werden lässt. Man fliesst einfach mit, obwohl man sich im Spinnennetz der eigenen Gedanken verfangen hat.
wilde theorie
Es handelt sich bei meiner zugegebenerweise recht wilden Theorie um eine oberflächliche Vermischung des Rationalismus mit der Sozialpsychologie und dem Funktionalismus und wahrscheinlich noch ein paar anderer Schulen, deren Namen ich jetzt nicht parat habe, Soziologie war eh nie so mein Ding, bin da gerade so durch. Egal, jedenfalls betrachte ich die Vernunft als Fähigkeit zur Ordnung, eine Fähigkeit also, die dem menschlichen Geist zugrunde liegt, und davon ausgehend sind wir eigentlich zu systematischer Beobachtung in der Lage und dadurch wiederum befähigt, Erfahrenes in Zusammenhang zu bringen, somit Wissen zu erwerben und auf diese Weise die Vernunft zu ergänzen. Beides wird dann zum Ausgangspunkt unserer Wahrnehmung und Handlung.
Das ist aber längst nicht alles - das Erwähnte wusstet ihr ja bereits oder könnt ihr euch denken, oder habt das schon irgendwann einmal gehört - denn ich will ja diese erwähnte unbewusste Vernunft erklären, okay, weiter im Text, man lernt also nicht nur selbst, sondern greift darüber hinaus auf Erfahrungen, Wissen vertrauter Mitmenschen zurück und auf das, was alle oder die meisten als Angemessenheit erachten. So verinnerlicht man also bestehende Regeln und Normen. Im besonderen, uns interessierenden Fall das Regelwerk, das den Verkehr funktionieren und fliessen lässt. Vernunft, allgemeine Erfahrenheit, Kultur und so Zeugs wird dann im gemeinen Menschen zusammengeschüttelt wie ein Cocktail und heraus kommt dann eine Art unbewusst-vernünftiges Routinehandeln. Irgendwie ist man dadurch in der Lage, obwohl auf's äußerste gedanklich verstreut, im Verkehr mitzufließen, die Regeln einzuhalten - oder eben nicht einzuhalten, wenn das die Regel ist - ohne das man selbst und ohne dass andere Menschen zu Schaden kommen, zumindest meistens.
total leidenschaftlich
Wieso jetzt diese verdächtige Einschränkung, wieso dieses "meistens"? Ganz einfach, wegen dieser Leidenschaften. Andauernde, beständige Emotion - z.B. weit überdurchschnittliche, oder gar heftige Zuneigung - dominiert oftmals das Geistig-Seelische und bewirkt, dass vereinzelt die beschriebene Routine verloren geht. So ist es möglich, dass Nachdenklichkeit zum echten Problem wird. Man gerät dann - und das gilt nicht nur für den Straßenverkehr - zum echten Sicherheitsrisiko, für sich selbst, aber auch für die anderen Verkehrsteilnehmer, also ganz allgemein. Es besteht die Gefahr sich in existengefährdende Grenzsituationen zu verwickeln, wenn eben nicht die routinierte Vernunft der anderen Verkehrsteilnehmer und Mitbürger wäre. Unseren Verkehrsmitbürgern ist es im Normalfall eher unangenehm, einen desorientierten, mit großer Sturheit rote Ampeln ignorierenden Fußgänger auf die Motorhaube zu nehmen. Um größere Schäden an der Karosserie zu vermeiden, wird ein solcher von diesen Menschen dann schon mal angehupt. Auf die Anderen kann man sich aber nicht in jedem Fall, also unbedingt verlassen. Weshalb? Der aufmerksame Leser kennt die Antwort, für die Oberflächlichen gibt es die Antwort als Extrawurst, genau, wegen der nachdenklichen Leidenschaft.
Zusammenfassend bleibt mir also festzustellen, dass die leidenschaftliche eine gefährliche Variante der Nachdenklichkeit ist. Dessen ist sich aber der gemeine Gedankenhersteller aber bewusst, denn er reflektiert selbstverständlich die erhöhte Gefährdung, der er als Fußgänger oder Fahrradfahrer ausgesetzt ist und noch selbstverständlicher auch die eigene Leidenschaftlichkeit. So hat sich der Verkopfte - der sich mehr in seinen Gehirnwindungen als in der Wirklichkeit 'rumtreibt - aufgrund einer hartnäckigen Emotionalität vermischt mit seiner beständigen Nachdenklichkeit dem Fatalismus unterworfen und sich somit gänzlich ungewollt der Realität auf extreme Weise zugewandt. Unser Reflektionsjunkie erfährt dann, dass Nachdenklichkeit - verglichen mit so manchem lebensbedrohlichen Ereignis - als ziemlich lächerlich und überflüssig zu bewerten ist. Und so bleibt ihm letztlich nur die Emotionalität. Er hört also auf nachzudenken und stürzt sich mit totaler Emotion ins Leben. Unser Jean Jacques Rousseau würde das als absolut vernünftig bezeichnen.
*Den Beitrag habe ich im April 2007 zusammengetippt. Stelle den der virtuellen Welt nun noch einmal zur Verfügung, wie immer vollkommen überarbeitet.
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