15.08.07

hanse, rolli, cordoba und ich

Bin Österreicher und bis vor kurzem wußte ich das gar nicht. Diese bloße Erkenntnis darf man als ein - wenn auch bedeutendes - Nebenergebnis meines steinigen Weges zur Selbstfindung verstehen. Doch was hat das das mit Cordoba 78 zu tun, mit dem legendären Sieg unseres Teams gegen die Deutschen? Und was mit dem Hanse und mit dem Rolli? Wer sind diese Zwei überhaupt? Mit dem folgenden Haufen von Sätzen möchte ich versuchen diese knifflige Frage zu erklären.

Doch, ich bin tatsächlich Österreicher. Meine Vorfahren wurden schließlich jahrhundertelang von diesen Habsburgern beherrscht. Zudem bin ich durch das östereichische Fernsehen teilsozialisiert, vor allem durch Sendungen wie Am Dam Des und das Kasperltheater auf ORF 2. Diesen seltsamen, kleinen Bären, diesen Petzi, den mochte ich allerdings nicht, der den fand ich häßlich, außerdem war der ein rechter Klugscheißer. Am Dam Des habe ich nur wegen der feschen Kindergärtnerinnen angeschaut. Ansonsten wurde ich aus der Sendung nie so ganz schlau.

So werde ich zukünftig mit allem Recht und mit Unerschüttlichkeit behaupten, dass ich ein Österreicher bin, selbstverständlich ohne meine anderen regionalen, nationalen und supranationalen - zu nennen wäre die bayerischschwäbische, die nordostoberfränkische, die böhmisch, die tschechische, die europäische und die andere...diese deutsche - also die übrigen Identitäten zu verdrängen oder gar zu verleugnen. Sie gehören zu mir, wie der Bartl zum Most. Dem geneigten Leser - wie es so schön heißt - stellt sich aber nun wahrscheinlich die Frage, wie denn das nun alles kam, das mit der Identifikation mit meinem Österreich. Die Antwort ist simpel und sie beantwortet jede Frage der Welt, zumindest soweit ich das übersehen kann. ursächlich war der Fußball.

 vorwerfende schatten 


Denn, bedeutende Ereignisse werfen bekanntlich jede Menge Schatten voraus, insbesondere Fußballgroßereignisse...wie eine Fußball-EM oder insbesondere die im kommenden Jahr, das bekanntlich in meinem - jetzt weiß ichs - schönen Österreich und in der Schweiz stattfindet. Schweizer bin ich übrigens keiner, wäre aber auch ganz schön, so politisch als Staatsbürger. Mit war von vornherein klar, dass ich mich auf keinen Fall den Piefkes identifizieren konnte, zu viele Preußen, die sprechen diesen unsympathischen Akzent. Außerdem ist die Nationalmannschaft zu populär, die mag inzwischen jeder, sogar fußballignorante Fähnchenschwenker, die beim Torjubel zu spät dran sind, weil sie das ganze Spiel auf das "TOOOR" der übrigen publicviewer achten müssen.

Nein, im Allgemeinen spürt der Mensch große Sympathie mit den Außenseitern, so auch ich im besonderen Fußballfall. Ich suchte also im möglichen Feld der Teilnehmer nach solch einem Team, nach einer Mannschaft, die keiner mag, nicht einmal die eigenen Fans, die gänzlich ohne Selbstvertrauen größte Unsicherheit ausstrahlt, der es sichtbar an Qualität fehlt; so musste ich zwangsläufig auf das österreichische Team stoßen und denkt man an das österreichische Team, so beginnt der zur Melancholie neigende Fußballfanatiker augenblicklich an diesen legendären Verbund von Burschen, die bei der WM 78 die Welt begeisterten. Ich schwelgte in Erinnerungen, sah den Krankl Hanse, wie er einen Direktschuß losläßt, beobachtete quasi in Zeitlupe, wie der Schneckerl Prohaska dem stürmenden Schoko Schachner einen Lochpaß in den Lauf legt, und bestaunte den Friedl Koncilia, wie er einen Schuß aus dem Torwinkel fischt, und es stellte sich eine überraschende Zuneigung ein, meine Nachdenklichkeit verlangte ihr Recht und ich gab wie immer nach.

Ich reflektierte also diese so heftige und absolute Zuneigung und Bewunderung für die Cordobahelden und bedeutete diese nostalgischen Empfindungen, als eindeutiges Anzeichen meines nun abgeschlossenen national-individuellen oder individuell-nationalen oder wie auch immer - jeder weiß was gemeint ist - halt meines persönlichen Identifikationsprozesses, gewaltig, oder?

ein wunder von cordoba

Cordoba 78, das war zweifellos das bedeutendste geschichtliche Ereignis der zweiten Republik; eben nicht die Unterzeichnung des Staatsvertrages im Jahr 1955 und schon gar nicht der Einmarsch von Deutschlands Hitler oder Hitlers Deutschland, das war ein ein Rückfall, alte Reflexe, Heiliges Römisches Reich deutscher Nation und so, dabei war Hitler gar kein Habsburger, egal, nein, das bedeutendste geschichtliche Ereignis der zweiten Republik war dieser DreiZweiSieg der Fußballspieler aus unserem Land der Berge und aus Wien, dieser grandiosen Mannschaft, dieser Fußballvirtuosen, die das germanische Nachbarvolk geradezu analysierten. Und die deutsche Fußballmaschine war immerhin mit Fußballrobotern wie Kaltz, Beer, Hölzenbein, Dietz, Abramczik, Rüssmann... (Hanse Krankl später über Rolli Rüssmann, den er vor seinem Siegtreffer ausschwanzte, nur so von einem Bein auf das andere springen ließ, rechter Fuß, linker Fuß - der Hanse später über Rolli "naah, der Rüssmann, des is a klassa Bursch")... jetzt hab ich meinen Faden verloren, ja so, mit solchen Fußballtitanen war die Piefkei also ausgestattet und trotzdem ham mers geschlogn. Okay, da waren noch die Skihelden, der Klammer, Franz bei den Alpinen, der Innauer, Toni bei den Springern, aber die haben ja eh immer gewonnen. Im Fußball fiel das uns immer ein bißchen schwer, ehrlich gesagt, wir brachten das nach dem gewonnenen Krieg überhaupt nicht zustanden, eben bis zu jenem sonnigen, argentinischen Winternachmittag des Jahres 1978, gerüchteweise war zu hören, dass sogar einige führende Mitglieder der argentinischen Militätjunta ihre Freude darüber nicht unterdrücken konnten.

das kulturcordoba

Die Besonderheit und die Wichtigkeit dieser identitätsbildenen, österreichischen Großtat offenbart sich auch im kulturellen Leben unserer Nation. Da ist zunächst einmal die unmittelbare, unheimlich künstlerische Umsetzung zu nennen, ich deute auf die legendäre Radioreportages des seeligen Edi Finger hin, sie muss einfach jedem aufrechten Österreicher die Tränen in die Augen treiben. Eduard Finger, der mit seinen Worten einen ganz und gar als zeitgenössisch zu bezeichnenden Blick auf diesen Moment der nationalen Selbstfindung äußerte. Seine Begeisterung kann als ein erstes Symbol für die nationale Bedeutung dieses Ereignisse verstanden werden. Eine längere Version seines einmaligen Kommentars ist auf www.c78.at - Supaseite, Kompliment - nachzuhören.

Doch auch eine retrospektive Betrachtung fand statt. Als satirisch könnte man diese, sehr eigene und angesichts der Bedeutung des Ereignisses etwas fragwürdige Verarbeitung betrachten. Doch unser Land ist freiheitlich - ich mein jetzt nicht so freiheitlich wie der zerstrittene, politisch gaaaanz rechts außen zu verortende Haufen der Neofa...äh...Neofreiheitlichen - sondern eher im Sinne von richtiger Freiheit, sogar unseren geliebten Sozialismus haben wir versucht abzuschaffen, so liberal sind wir inzwischen geworden. Ja, unser Land wird also immer freiheitlicher und im Land des...nah, des kann man net sagen...besser ist: das Land in dem der legendäre Helmut Qualtinger aufgewachsen ist, dort muss man dann auch mal Satire ertragen können. Jedenfalls beweist die Verarbeitung des Siegs durch das kritische Österreich ebenfalls seine Wichtigkeit.

Aber nicht nur die große Kleinkunst interpretierte das Ereignis, auch die Hochkultur nahm es auf. Auf den Wiener Festwochen liessen gar die Wiener Synphoniker ihren Zuhörer das Cordoba des Jahres 78 nachempfinden. Geniessen sie diese visuelle Darstellung, die auf ganz wunderbare Weise durch dieses zweifellos beste Orchester der Welt untermalt wird.

du glückliches Österreich

Ich hab das Spiel live mitverfolgt, damals, als siebenjähriger Burschi - so hat mich meine Großmutter oft genannt. In der Halbzeitpause - da stand es noch 1:0 für die Deutschen - haben mein Freund Steffi und ich die erste Hälfte nachgespielt. Unsere Tore waren grüne Teppichstanden, die vor einem unansehlichen, braunen Wohnblock standen, in dem wohnten wir, auch der Steffi und seine Familie. Das Mietshaus stammte aus der Zeit unmittelbar nach Weltkrieg II, als Truppen der US-Army in meiner Heimatstadt stationiert waren. Die Familien waren in diesem braunen Monstrum untergebracht. Man konnte das gut an der Türschnalle des Bads erkennen. Man brauchte keinen Schlüssel, um das Bad zu verschliessen, man musste einfach nur einen Hebel umdrehen, und dann wechselte ein Schildchen von "open" zu "occupied". Ich schweife ab: Mein Freund und ich spielten das 1:0 der Deutschen nach. Wir haben uns abgewechselt, einmal war der Steffi Koncilia und ich der Rummenigge, dann umgekehrt. Verständlich, dass wir beide lieber das einsnull schossen, aber zu damals konnte ich auch noch nichts von meinen Ursprüngen wissen, war zu klein, zu unwissend, irgendwelche Identitäten gingen mir damals ziemlich am Hintern vorbei.

Hoffentlich schaffen wird ein Wunder bei dieser EM im eigenen, so schönen Land. Naa, das Finale oder der Titel, das muss es gar nicht werden. Auch die Qualifikation für das Viertelfinale muss net sein. Viel wertvoller wäre ein Sieg oder auch nur ein Unentschieden, der den Deutschen das Tor zum Viertelfinale und damit die EM so richtig auf die Nase zuschlägt. Also ein frühes Wunder von Wien, eines vom 16.Juni und nicht eines vom 29. Vielgerühmtes Österreich, so könnte ich, so könnte dann ganz Österreich dann singen. Da fällt mir ein, ich kann die Hymne gar nicht auswendig - auch die tschechische beherrsche ich noch nicht - aber dafür kann ich die alte mitsummen: Gott erhalte Franz den Kaiser, ich glaub, der hat 1978 aber gar nicht mitgespielt, oder? Jedenfalls: Hab die Ehre.