30.11.11

berliner stadtmusikanten

Der gemeine Deutsche erfüllt die ökonomische Pflicht - seiner nationalen Wirtschaftsgemeinschaft gegenüber - mit ehrlicher Einsicht, dem aufrichtigen Gefühl das Richtige zu tun und noch dazu mit ziemlich wilder Entschlossenheit, so zumindest die globale Vorstellung. 


Doch während zahlreicher frühmorgendlichen Reisen zum Ort persönlicher Pflichterfüllung konnte ich von solcher Lust wenig zu erleben, vielmehr gemeinschaftliche Agonie, und das quer durch alle Schichten und Milieus, und durch diese taucht der Pendelnde eben, wenn er so ziemlich den kompletten "Wedding-Express" von Hermannstrasse bis Wittenau mitnimmt.

Es sind vielmehr Menschen zu sehen, die gelangweilt in das "Berliner Fenster" glotzen oder sich unter Kopfhörern mit lauter Musik betäuben oder mit dem Kinn auf der Brust oder gegen eine Scheibe gelehnt, mit dem Kopf im Nacken, manchmal mit offenem Mund vor sich hin dösen oder die mit grossen Augen auf ihrem Smartphone herumspielen und dann schliesslich auch diejenigen, die Emails checkend oder laut telefonierend das fröhliche Arbeiten bereits begonnen haben.

Auch nach Umstieg in das Berliner S-Bahnnetz bringt keinen allgemeinen Stimmungswandel, auch nicht, als letztens vier gar fröhliche Musikanten trompetend, singend und trommelnd im Gänsemarsch durch den Wagon zogen, mit einem stimmungsvollen "Hit the Road Jack, don't you come back no more, no more, no more..." auf den Lippen.

So textmäßig kam dann auch nicht viel mehr als der Refrain und überhaupt hat diese heitere Combo nur dieses Lied im Repertoire. Ich kannte die Bande, sie treibt regelmäßig in der Stadtbahn ihr Unwesen, aber das hat sich "Hit the Road, Jack" wohl schon verbraucht, also wird es eben anderswo und rücksichtslos an Frau und Mann gebracht. An diesem Morgen ernteten sie für ihren zweifellos schwungvollen Auftritt lediglich ein gleichzeitiges und kollektives Augenrollen, Aufstöhnen und geringe Spendenbereitschaft.

was du nicht willst

Irgendjemand sollte diese heiteren Musikanten irgendwann darauf hinweisen, dass es ein Unterschied ist, am Wochenende orientierungslosen Touristen oder eben Menschen auf dem Weg zur Realisierung des ökonomischen Zwangs solcherlei Fröhlichkeit  noch dazu mit einer eher limitierten, musikalischen Befähigung um die Ohren zu schlagen. Vielleicht sollte man sie darüber hinaus darauf hinweisen, dass es in gewissen Vierteln der Hauptstadt schon vorgekommen ist, dass Menschen ihre Nachbarn erschossen, weil diese ihre Musik auch nach mehrmaligem Hinweis einfach nicht leiser stellen wollten.

Und noch eine Frage geistert mir beim weltöffentlichen Raisonieren durch meine oberen Windungen, nämlich, wie denn unsere vier Berliner Stadtmusikanten auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit und dem Ausblick auf stundenlanges Absingen des selben Liedes aus der Wäsche gucken, und ob die das so super finden würden, wenn plötzlich irgendein Mensch vor ihrer Nase herumtanzen würde, der vielleicht beständig und ausschliesslich den Refrain von Howard Carpendale's Version von "Living next Door to Alice" geben würde, aber das Prinzip "was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu", das gilt ja heutzutage nicht mehr. Sauerei ist das.